Zum Verständnis von Krise

Krisen sind lebensnotwendige Prozesse . Sie treten immer dann auf, wenn ein Mensch gegenüber einer anstehenden Veränderung starr ist.
Wenn wir in einer bestimmten Lebenslage nur wegen unserem zähen Durchhalten Erfolg hatten, so können wir mit genau diesem zähen Durchhalten wollen scheitern und so in eine Krise geraten.
Es ist nicht immer so, dass wir dies auf der bewussten Ebene (z.B. Probleme in einer Ehe – anstehende Scheidung) mitkriegen, manchmal können Krisen ganz langsam und schleichend beginnen. Oder aber sie treffen uns, da wir den wahren Grund nicht zu kennen scheinen, aus „heiterem Himmel“ und kann uns so manchmal ziemlich heftig den „Boden unter den Füssen“ entreissen.

Krisen treten ebenso auch dann auf, wenn ein Mensch Veränderungen, insbesondere Traumatisierungen (z.B. durch Feuer, Unfall, Trennung, Tod, Verlust von Heimat, Verlust von Arbeit oder extremer Gewalt wie MB, Vergewaltigungen,...) nicht gewachsen ist.

Damit ist die Krise immer Bedrohung, sie schliesst immer den Verlust von etwas Altem, etwas Bekanntem und Bewährtem und die Angst vor etwas Neuem, etwas Unbekanntem mit ein: Krise steht am Beginn einer Veränderung – mit ungewissem Ausgang. Ebenso wie Krise Bedrohung ist, ist sie immer auch eine Chance . Es gibt keine Entwicklungsprozesse, keine Veränderung ohne Krise, ohne Loslassen von Altem, ohne Einlassen auf Neues.

Man unterscheidet zwischen entwicklungsbedingten Krisen , die in jedem Leben zu bewältigen sind, und gesellschaftlich oder schicksalhaft bedingen Krisen (Krieg, Arbeitslosigkeit, Missbrauch, Folter,...) Erstere treten vor allem an den Übergängen von einem Entwicklungsabschnitt zum nächsten auf. Typische Krisenzeiten sind z.B. Geburt, Laufen-lernen, Beginn der Schulzeit, Pubertät, Ausbildung- und Arbeitsbeginn, Bildung von Paarbeziehungen, Familiengründung, „Midlife-crisis“, Beginn des Rentenaltes, Sterben.

Die meisten Krisen beruhen auf Mischformen von Bedingungen und Mehrfachbelastungen z. B. Pubertät plus keine Lehrstelle plus Eheprobleme der Eltern, oder Mutterschaft plus Erschöpfung usw.

Krisen können relativ klein und abgegrenzt sein (z.B. ausgelöst durch: Verlust eines erinnerungsträchtigen Gegenstands, des ersten Zahns oder eine liebgewordenen Überzeugung, Misslingen einer Arbeit, usw.) oder tief und allumfassend (z.B. ausgelöst durch schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen, Bypassoperation, Tod eines nahen Angehörigen, Verlust von Heimat, unerträgliche Wohnsituation, usw.)
Oder die ganz grossen Krisen, die ausgelöst werden durch Schwersttraumatisierungen sei es durch eine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben, oder durch ein grosses von Menschen ausgeübtes Gewaltverbrechen, wie Kindsmissbrauch, Vergewaltigung, ritueller Missbrauch, Krieg oder Folter.

Wie Krisen erlebt und verarbeitet werden, hängt allerdings nicht nur davon ab, wie tiefgreifend und allumfassend die Erschütterungen sind, sondern auf davon, welche Erfahrungen ein Mensch in seinem bisherigen Leben mit Krisen und deren Überwindung gemacht hat und ob der Mensch eine vertrauensvolle und sichere Kindheit hatte.

(überarbeitete Version von Leonie, Auszüge aus der Krisenintervention in der intergrativen Therapie nach Hilarion Petzold)