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Rückblick
Liebe Partner und Verbündete. Dieser Text ist gut ein Jahr alt. Vieles hat sich verändert seither, aber er drückt einige der damals zentralen Gefühle meines Verbündeten-Daseins aus.
Die Sage vom Frundsberg:
"Einer geht Nachts über den Frundsberg (ein Hügel, nahe bei uns). Da erscheint ihm die Weisse Frau, verspricht ihm, ihn reich zu belohnen, wenn er in ihrem Bannkreis sitzen bleibt, bis die Sonne aufgeht. Dann lässt sie ihn alleine. Zuerst kommen die wilden Tiere – er bleibt sitzen. Dann kommen seine Freunde und versuchen, ihn rauszulocken – er bleibt sitzen. Dann lässt seine Aufmerksamkeit nach, er nickt ein. Beim Läuten der Kirchenglocke springt er instinktiv auf, wie jeden Morgen, und hat den Kreis verlassen, eh er sich’s bewusst ist. Die Glocke war – wie die wilden Tiere und die Freunde – bloss eine Täuschung. In Wirklichkeit wars noch dunkle Nacht. Die Weisse Frau ist nicht erlöst worden. Soweit die Sage
Der Link:
Ich sitze in meinem Bannkreis. Wie und wann ich da reingekommen bin, kann ich nicht sagen, jedenfalls bevor S. mit dem Aufarbeiten ihrer Geschichte begonnen hat. Die ganzen schrecklichen Facts hauten mich fast um. Grausamkeiten, wie ich sie mir nicht hatte vorstellen können. Und doch: von Menschen erdacht, von Menschen in die Praxis umgesetzt, an einem Kind, an S., an meiner Freundin! Es war ein einziger schwarzer, bodenloser Abgrund. Entsetzen, Wut, Rache! Ich hatte das Gefühl, schreien und davonrennen zu müssen, aber dann wäre ich geradewegs in den Abgrund gestürzt. Also: Sitzenbleiben, aushalten!
S.’ Schmerz kommt in Wellen, scheinbar endlos wie die Brandung des Meeres. Sie schreibt herzzerreisende Briefe und Mails an ihre Therapeuten. Sie schreibt vom Gefühl des Verlassen-seins, von unendlicher Trauer und Einsamkeit. Bettelt um ein gutes Wort von einem Freund, dafür, ein kleines Stückchen Mitgefühl erhaschen zu dürfen. Einmal in den Arm genommen zu werden, weinen zu dürfen, einmal verstanden und ernst genommen zu werden, einmal Freundschaft erfahren zu dürfen.
Und ich steh ver... noch mal daneben wie ein Klotz! Bin beleidigt, dass ich für meine Freundschaft nicht die Anerkennung bekomme, die ich „verdiene“. Beschuldige mich für meine Unfähigkeit, ihr die Wärme und das Mitgefühl geben zu können, das sie braucht. Bestätige meine harte Selbst-Veruteilung nicht zu genügen, nicht wirklich vollwertig zu sein. Es kratzt an den empfindlichsten Stellen, dieses Ignoriert-Werden!
Ich erinnere mich an einen Tag irgendwann im Herbst; wir waren den ganzen Tag zusammen, sie klammerte sich an mich in schierer Verzweiflung. Ich hatte alles gegeben, es war eine heikle Gratwanderung zwischen „nicht die Verantwortung für dich übernehmen“ und „Mitgefühl“. Am nächsten Tag rief sie mich an und faselte fröhlich etwas Belangloses. Erschrocken stellte ich fest, dass ich es ihr übelnahm, dass es ihr heute so gut ging, wo ich mich doch gestern noch als Strohalm und Retter so schön wichtig gefühlt hatte. Ein Sch...gefühl!
Ihr Winseln um Liebe, mein Nichterfüllen-Könnnen, und die daraus entstehenden Selbstvorwürfe, das sind die „Freunde“, die mich aus dem Kreis zu locken versuchen. Sie versprechen mir die Erfüllung meiner Sehnsucht, wichtig und liebenswert zu sein einerseits. Andererseits versuchen sie mir mein Verhalten als blöd und lächerlich darzustellen, mir selber nicht mehr zu vertrauen. Es fällt fast noch schwerer, als bei den Schreckensbildern. Aber ich bleibe sitzen.
Und dann, wenn ich meine, es sei jetzt überstanden, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, dann wird’s mich eiskalt erwischen. Ich weiss aber nicht woher. Wird unsere Freundschaft kaputt gehen, wird sie resignieren oder sich umbringen? Es wäre vermessen, am Verlauf der Dinge herumzuschrauben und etwas beeinflussen zu wollen. Vielleicht ist das reale Leben gnädiger als die Sage."
von Sursilvana.
Januar 2007
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